Kneipe

| Orgel

| Bobby-Buch

| Alte Zeiten

| Dä Huusmeester

Karneval

| Prominenz

| Bobby Bar

| Ballerinas

G.Grass

Blechtrommel mit Mostertklecks

 

Günter Grass ist Nobelpreisträger. Seine „wilden“ Jahre verbrachte er
in Düsseldorf. Sein Erfolgsroman „Die Blechtrommel“ trägt autobio-
graphische Züge dieser Zeit.

von Gernot Schwarz
 

„Die Blechtrommel“ - was fällt Ihnen dazu ein? - Etwa die Episode
des Aalfangs mit Pferdekopf?
Die Beschreibung des aus dem flachen Meer hochgezerrten, von ge-
fräßigen dicken Aalen triefend wimmelnden Pferdekopfes, dessen
ekliger Anblick Oscar Matzeraths Mutter über kurz das Leben kostet,
hat einer Vielzahl von Leuten den Appetit auf Aal gründlich verdor-
ben. Günter Grass hat mit seinem Roman „Die Blechtrommel“ den Um-
satz bei Aalen erheblich beeinflußt, und so was ist nun wirklich ein
Erfolg. Das war Anfang der sechziger Jahre. Schon bald nach seinem
ersten Auftritt auf der Literaturszene im Jahre 1959, dem seit 1955
einige kleinere Auftritte vorangegangen waren, hat Günter Grass ähn-
lichen Einfluß auch auf das Tragen von Schnauzbärten, das Selberdre-
hen von Zigaretten aus schwarzen Feinschnitt-Tabak und manch anderes
gehabt.
„Die Blechtrommel“ war damals ein Skandal. Störte den sonntäglichen
Familienfrieden der Gebildeten und die Dreienigkeit aus Adenauer-Ära,
Amtskirchen-Katholizismus und Wirtschaftswunder. Vor allem die
kirchenschänderischen Passagen brachten Ärger, natürlich auch die
immer beliebter gewordene Szene, in der Oscar, vom Brausepulver an-
geleitet, bei Maria auf die richtigen Abwege gerät. Was aber damals
als öbszön galt und obszön war und somit eine wichtige Funktion im
Roman hatte, ist es heute lange nicht mehr.
Die Informationen zur Biographie des Autors in jungen Jahren sind
spärlich. Es läßt sich aufzählen: Am 16. Oktober 1927 wird er in
Danzig geboren, Kindheit in der Zwei-Zimmer-Wohnung über dem Kolonial-
warenladen der Eltern, Eintritt ins Gymnasium, Eintritt ins Jungvolk,
mit fünfzehn Jahren Luftwaffenhelfer, Einberufung zur Panzerwaffe, Ver-
letzung beim Fronteinsatz, amerikanische Kriegsgefangenschaft. In der
Nachkriegszeit wird er umhergeworfen in Westdeutschland und landet
schließlich im Winter 1946/47 in Düsseldorf.

Ankunft in Düsseldorf
Grass will Bildhauer werden: „... Dann bin ich nach Düsseldorf gefahren.
Ich hatte in irgend-einer Zeitung gelesen, daß die Düsseldorfer Kunst-
akademie demnächst wieder aufmache. Ich dachte, sie sei schon offen.
Und da habe ich mich dann durchgefragt, in Düsseldorf fuhr keine Straßen-
bahn, nichts, das war alles erstorben in Kälte. Ich kam dann auch zu dem
Kunstakademie-Bau, der war leer, zur Hälfte war er sowieso zerstört. Da
traf ich dann einen alten Mann mit Künstlerschlapphut, wie sich später
herausstellte: Professor Enseling, und dem sagte ich auf die Frage, was
ich suche, ich möchte Bildhauer werden. Da sagte er: „Wir haben geschlos-
sen wegen Kohlemangel. Aber gehen Sie mal hier raus und dann zweimal rechts,da ist das Arbeitsamt, und da lassen Sie sich - wie alt sind Sie? Neunzehn? - eine Praktikantenstelle geben als Steinmetz und Steinbildhauer. Und wenn Sie damit fertig sind in zwei Jahren, da kommen Sie wieder her, da haben wir auch wieder Kohle.“
Grass beginnt eine Steinmetzlehre bei „Göbel & Moog“ auf dem Bitweg am Stoffeler Friedhof. Der Meister besorgt ihm eine Schlafstelle im katho-
lischen Caritas-Heim in Rath, in dem Lehr-linge, Studenten und alte Leute
untergebracht sind. Bis 1951 wohnt Grass in dem Heim, meistens mit zehn
Leuten in einem Raum. Da träumt er noch nicht davon, daß er später Schriftsteller wird und Preise gewinnt.

Studium an der Kunstakademie
1948 wird die Düsseldorfer Kunstakademie wiedereröffnet und Grass beginnt ein Studium bei dem konservativen Bildhauer Sepp Mages, mit dem er sich aber kurze Zeit später verkracht. Fairerweise hilft Mages Grass einen Lehrer zu finden, der ihm liegt. Das ist Otto Pankok, der später in der „Blechtrommel“ als Professor Kuchen wieder auftaucht. Grass erinnert sich: „Pankok war kein guter Lehrer, aber er war eine Person, hatte eine Ausstrahlung und hat da-durch viel mehr vermittelt, als wenn er ein guter Lehrer gewesen wäre im herkömmlichen Sinn. Bei Pankok lernt Grass Zeichnen und graphisches Handwerk.
Die Zeiten für Studenten sind hart. Durch die Ratinger Straße und das Gäßchen, das von ihr zur Kunstakademie führt, geht der Weg fast aller dort Studierenden. Daher sollen hier besorgte Mütter den Warnruf an ihre Kinder geprägt haben: „Jönke, donn de Botteram fot, do kütt ´ne Möler!“
Zwar ist es zuerst wichtig, daß der Künstler schafft, aber von Zeit zu Zeit
ist die Zeit reif, ein Faß aufzumachen. In der Altstadt trinkt sich Günter
Grass mit seinen Freunden die Huke voll, wie es im Rheinland seit Jahrhunderten Sitte ist. Hinein ins Leben, ins wahre Leben. Die Widrigkeiten allerdings, soviel Realismus muß sein, fangen beim Geld an und hören beim Geld auf. Grass gründet mit seinem Freund Horst „Flötchen“ Geldmacher eine Jazz-Combo. Ihre Brötchen verdienen sie sich im Altstadtlokal „Csikos“ (Pferdehirte), hier spielen sie ab 1950 mit ihrer Jazzband Dixieland. Mit hagerer Gestalt und Kinnbart, im offenen Hemde sitzend findet Grass als Schlagzeuger und Waschbrettspieler sein Publikum. Das „Csikos“ wird zum Künstlertreffpunkt und die Inhaber, Trude und Otto Schuster, geben den Künstlern 50% Rabatt auf Essen und Getränke.
Das Lokal wird später Vorbild für den „Zwiebelkeller“ in der „Blechtrommel“.
Grass wohnt mit seinem Freund Geldmacher seit April 1951 im Hinterhaus der Stockumer Kirchstraße 11. Auch Geldmacher wird später in der „Blechtrommel“verewigt als ein gewisser Herr „Münzer“. Die Art und Weise, wie er dort beschrieben wird, verzeiht er Grass nie. „Jener Herr Münzer oder Klepp, wie ich ihn heute nenne, ein dicklich fauler, trotzdem nicht unbeweglicher, leicht schwitzender, abergläubischer, ungewaschener, dennoch nicht verkommener, stets am Sterben verhinderter Flötist und Jazzklarinettist hatte und hat den Geruch einer Leiche an sich, die nicht aufhören kann, Zigaretten zu rauchen, Pfefferminz zu lutschen und Knoblauchdünste auszuscheiden.“

Sprache als Durchfall
In diesen Jahren geschieht mit Günter Grass jedoch noch mehr: „Im Frühjahr und Sommer 1952 machte ich eine Autostopreise kreuz und quer durch Frankreich. Ich lebte von nichts, zeichnete auf Packpapier und schrieb ununterbrochen: Sprache hatte mich als Durchfall erwischt.“ Kurz darauf bricht Grass sein Studium an der Akademie ab, weil es ihn nicht wirklich weiterbringt. Im Januar 1953 verläßt er Düsseldorf und geht nach Berlin, 1959 erscheint sein Roman „Die Blechtrommel“.
So sehr die Düsseldorfer die Qualitäten des Autors Günter Grass auch schätzen, ihn so richtig ins Herz zu schließen, fällt den rheinischen Frohnaturen schwer.
Aus der Ferne bezeichnet Günter Grass die Landeshauptstadt als einen „Mostertklecks an der Düssel“, worauf der Kabarettist Ernst Hilbich in der Maske des Schneider Wibbel in einem Kom(m)ödchen-Programm dem Schriftsteller vielsagend drohte: „Ach, mein lieber Jünter Jrass, komm Du mech en de Wibbeljaß.“